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Herkunft zählt: Warum gleiche Pflanzen verschieden duften

Lavendel aus Bulgarien und aus Frankreich stammt von derselben Art und kann doch unterschiedlich duften. Der Bericht zeigt, wie Standort, Sorte, Ernte und Destillation den Duft prägen und was dir die Herkunftsangabe auf dem Etikett verrät.

Gleiche Art, unterschiedliche Öle

Im Sortiment stehen zwei Lavendelöle nebeneinander: das Lavendelöl aus Bulgarien und das Lavendelöl fein aus Frankreich. Beide stammen von derselben Pflanzenart, dem Echten Lavendel mit dem botanischen Namen Lavandula angustifolia. Der botanische Name ist die wissenschaftliche, weltweit einheitliche Bezeichnung einer Pflanze und schließt Verwechslungen mit Volksnamen aus. Wenn du beide Öle nebeneinander prüfst, kannst du trotzdem Unterschiede bemerken. Das ist kein Fehler, sondern typisch für ein Naturprodukt.

Wie eine Pflanze ihre Duftstoffe bildet und speichert, erklärt der Beitrag Wie ätherische Öle entstehen: Pflanzen als Duftquelle. Hier geht es um eine andere Frage: Warum bringt dieselbe Art an verschiedenen Orten und in verschiedenen Jahren unterschiedliche Öle hervor? Mehrere Einflüsse greifen ineinander – Klima, Höhenlage, Boden, Sorte und Erntezeitpunkt, dazu die Verarbeitung nach der Ernte.

Lavendelöl besteht aus zahlreichen einzelnen Duftstoffen. Zwei davon prägen den Charakter besonders: Linalool, ein Duftstoff mit blumig-frischer Note, und Linalylacetat. Linalylacetat ist ein sogenannter Ester, also eine chemische Verbindung, die man sich als Paar aus Linalool und Essigsäure vorstellen kann. Wie viel von beiden im Öl steckt und in welchem Verhältnis, schwankt je nach Herkunft und Ernte. Verschiebt sich dieses Verhältnis, kann sich auch der Gesamteindruck des Dufts verändern.

Klima, Höhenlage und Boden: Der Standort prägt mit

Fachleute nennen eine ganze Reihe von Einflüssen auf den Ölgehalt von Lavendelblüten, also auf die Menge ätherischen Öls in den Blüten: geografische Lage, Höhenlage, Boden, Klima, Sorte, die Art der Vermehrung und den Bau der Pflanze selbst. Für dich bedeutet das: Ein Land auf dem Etikett steht nicht für einen festen Duft, sondern für einen Rahmen.

Das Klima umfasst Sonnenstunden, Temperaturen und Niederschläge im Lauf des Jahres. Ein heißer, trockener und ein kühler, regnerischer Sommer können auf demselben Feld zu unterschiedlichen Ernten führen. Deshalb kann sich auch Öl aus demselben Land von Jahr zu Jahr unterscheiden.

Die Höhenlage verändert das Klima im Kleinen. Weiter oben ist es in der Regel kühler, und die Nächte sind frischer. Wie stark sich das im einzelnen Öl zeigt, lässt sich nicht pauschal sagen, denn Höhe, Sorte und Erntezeitpunkt treten in der Praxis immer gemeinsam auf.

Der Boden versorgt die Pflanze mit Wasser und Nährstoffen. Ob er steinig und durchlässig ist oder schwer und feucht, beeinflusst das Wachstum und damit auch, wie viel Öl die Pflanze in ihren Blüten anlegt.

Zwischen Bulgarien und Frankreich unterscheiden sich diese Bedingungen, doch auch innerhalb jedes Landes gibt es sehr verschiedene Lagen. Eine allgemeingültige Regel nach dem Muster „bulgarischer Lavendel riecht so, französischer anders“ lässt sich daraus nicht ableiten. Aussagekräftiger ist der Vergleich der konkreten Öle, die vor dir stehen.

Sorte, Chemotyp und die Frage: Lavendel oder Lavandin?

Innerhalb einer Pflanzenart gibt es Sorten. Eine Sorte ist eine gezielt ausgewählte und weitervermehrte Form mit einheitlichen Merkmalen, etwa bei Wuchs, Blütenfarbe oder Duft. Beim französischen Lavendelöl im Sortiment steht mit „Mailette“ ein solcher Sortenname im Produktnamen. Auch die Vermehrung spielt mit: Ein Feld aus Stecklingen, also aus bewurzelten Trieben einer Mutterpflanze, wächst sehr gleichmäßig. Ein Feld aus Samen fällt vielfältiger aus.

Bei manchen ätherischen Ölen begegnet dir zudem der Begriff Chemotyp. Gemeint ist eine Ausprägung derselben Art, die äußerlich gleich aussieht, aber ein anderes Muster an Duftstoffen bildet. Der botanische Name bleibt derselbe, der Duft kann trotzdem deutlich abweichen.

Noch größer wird der Unterschied, wenn gar kein Echter Lavendel in der Flasche ist. Lavandin ist eine Hybride, also eine Kreuzung aus zwei Arten: dem Echten Lavendel und dem Speiklavendel, botanisch Lavandula latifolia. Erstmals beschrieben wurde sie 1828 in Frankreich. Lavandin ist steril, bildet also keine keimfähigen Samen. Die Hybride kommt in Frankreich, Italien und Spanien natürlich vor, wird aber auch gezielt erzeugt und gilt in Frankreich und Italien als wichtige Ölpflanze. Ihr Duft wird als durchdringender beschrieben als der des Echten Lavendels.

MerkmalEchter LavendelLavandin
Botanischer NameLavandula angustifoliaLavandula × intermedia
Abstammungeigenständige ArtKreuzung aus Echtem Lavendel und Speiklavendel
Vermehrungüber Samen oder Stecklingesteril, daher über Stecklinge statt Samen
Duft im Vergleichweniger durchdringenddurchdringender

Das Malzeichen „ד zwischen den beiden Namensteilen kennzeichnet in der Botanik eine Hybride. Wie sich Echter Lavendel im Duft von einer ganz anderen Blütennote abhebt, zeigt der Beitrag Blumige Düfte im Vergleich: Lavendel und Ylang-Ylang.

Erntezeitpunkt, Alter der Pflanzung und Destillation

Lavendel wird während der Blüte geschnitten, doch Blüte ist nicht gleich Blüte: Zu Beginn sind viele Knospen noch geschlossen, gegen Ende verwelken die ersten Blüten bereits. In einem Anbauversuch in der Türkei lag der höchste Ölgehalt in der Mitte der Blütezeit. Die Forschenden halten diesen Moment für den geeignetsten Erntezeitpunkt.

Ebenso zählt das Alter der Pflanzung. Lavendel ist ein Halbstrauch, also eine Pflanze mit unten verholzenden Trieben, und steht mehrere Jahre am selben Platz. Im selben Versuch nahmen Ölgehalt und Linaloolgehalt im dritten Anbaujahr zu. Ein Feld ergibt also nicht jedes Jahr dasselbe Öl, selbst wenn Sorte und Standort gleich bleiben.

Nach der Ernte folgt die Destillation. Bei diesem Verfahren werden die flüchtigen Duftstoffe mit heißem Wasserdampf aus den Blüten gelöst und anschließend vom Wasser getrennt. Wie lange destilliert wird und mit welcher Anlage, verändert die Mengen einzelner Bestandteile im fertigen Öl. Den Ablauf beschreibt der Beitrag Gewinnung ätherischer Öle: Destillation und Kaltpressung im Vergleich.

Herkunftsangaben auf dem Etikett richtig lesen

Das Etikett verrät nicht alles, was den Duft beeinflusst, bietet aber die wichtigsten Anhaltspunkte. Diese Punkte helfen dir bei der Einordnung:

  • Botanischer Name: Er verrät die Art. Lavandula angustifolia steht für Echten Lavendel, Lavandula × intermedia für Lavandin, Lavandula latifolia für Speiklavendel.
  • Herkunftsland: Es ordnet das Öl einer Anbauregion zu. Höhenlage, Boden und das Wetter des Erntejahres lassen sich daraus nicht ablesen. Manche Produktnamen im Sortiment nennen das Land direkt, etwa beim italienischen Zitronenöl.
  • Gewinnungsart: Bei Lavendel steht hier üblicherweise Destillation.
  • Sortenname oder Chemotyp: Fehlt diese Angabe, ist das kein Mangel. Steht sie dort, erleichtert sie den Vergleich.
  • Chargennummer: Eine Charge ist eine Menge Öl aus derselben Herstellung. Flaschen mit unterschiedlicher Charge können aus verschiedenen Ernten stammen und etwas anders duften.

Welche weiteren Angaben du auf dem Etikett findest und was die Gefahrenhinweise bedeuten, erklärt der Beitrag Etiketten richtig lesen: botanischer Name, Herkunft und Gefahrenhinweise.

Praxistipp: Den Unterschied selbst prüfen

Gib je einen Tropfen der beiden Lavendelöle auf einen eigenen Teststreifen, also einen schmalen Streifen aus saugfähigem Papier. Beschrifte die Streifen vorher mit Herkunftsland und Chargennummer. Riech gleich danach, nach einer Viertelstunde und nach etwa zwei Stunden im Wechsel daran und notiere deine Eindrücke in eigenen Worten, etwa „krautig“, „süßlich“ oder „frisch“. So erkennst du, worin sich die beiden Öle unterscheiden. Das Vorgehen beschreibt der Beitrag Duftmischungen testen: Der Teststreifen-Weg. Verschließe die Fläschchen danach sofort und bewahre sie außer Reichweite von Kindern auf.

Gut zu wissen: Ätherische Öle sind keine Arzneimittel und nicht zum Verzehr bestimmt. Bei Fragen zur Sicherheit wende dich an Fachleute, an deine Ärztin oder deinen Arzt oder an eine Giftinformationszentrale.