Wie ätherische Öle entstehen: Pflanzen als Duftquelle
Ob Lavendelblüte, Zitronenschale oder Zedernholz: Ätherische Öle stammen aus ganz verschiedenen Pflanzenteilen. Hier erfährst du, wo die Duftstoffe in der Pflanze sitzen und warum dieselbe Art unterschiedlich duften kann.
Von der Blüte bis zur Wurzel: Welche Pflanzenteile Duft liefern
Der Duft eines ätherischen Öls geht auf Stoffe zurück, die die Pflanze selbst bildet. Diese Stoffe sind flüchtig, das heißt, sie gehen leicht in die Luft über, sodass deine Nase sie wahrnehmen kann. Je nach Art stammen ätherische Öle aus ganz unterschiedlichen Pflanzenteilen: aus Blüten, Blättern, Nadeln, Fruchtschalen, Holz, Harz oder Wurzeln.
Die folgende Übersicht ordnet einige bekannte Öle ihrem Pflanzenteil und ihrer Duftfamilie zu – so heißen Gruppen von Ölen mit ähnlichem Duftcharakter.
| Pflanzenteil | Beispiele | Typische Duftfamilie |
|---|---|---|
| Blüten und blühendes Kraut | Lavendel, Ylang-Ylang | blumig |
| Blätter und Kraut | Pfefferminze, Rosmarin | minzig, kräuterig |
| Fruchtschalen | Zitrone, süße Orange | Zitrus |
| Holz | Zeder, Sandelholz | holzig |
Oft verrät schon der Produktname den Pflanzenteil: Im Cedernholzöl Virginia steckt das Holz bereits im Wort. Beim Lavendelöl fein aus Frankreich sind es die blühenden Pflanzenteile, die den Duft liefern. Daneben gibt es Öle aus den Nadeln von Nadelbäumen, aus Harz – dem zähflüssigen Saft, den manche Bäume absondern – und aus Wurzeln.
Der Pflanzenteil legt den Duft nicht fest, gibt aber eine erste Orientierung: Fruchtschalen liefern meist helle, frische Noten, Hölzer eher warme und trockene. Wie du solche Gruppen sicher auseinanderhältst, zeigt der Beitrag Duftfamilien erkennen: Zitrus, Blumig, Kräuterig, Würzig, Holzig, Minzig.
Wo die Duftstoffe in der Pflanze sitzen
Innerhalb der Pflanze werden die Duftstoffe an bestimmten Orten gebildet und aufbewahrt. Gut dokumentiert sind Drüsenhaare: winzige Haargebilde auf der Pflanzenoberfläche, in denen flüchtige Stoffe gebildet, gespeichert oder in ihrer Zusammensetzung verändert werden. Drüsenhaare können auf Blättern und Stängeln sitzen, also auf den Teilen, die dem Wachstum dienen, aber auch auf Blüten und anderen Teilen, die der Fortpflanzung dienen.
Köpfchenhaare: Speicher im Kleinformat
Eine Form ist das Köpfchenhaar. Es besteht aus einem Stiel, der an seiner Spitze ein rundliches Köpfchen aus Drüsenzellen trägt. In solchen Drüsenzellen sammelt sich das Öl als feine Tröpfchen, und zwar in einem kleinen Hohlraum zwischen der äußeren Zellwand und der Cuticula, einer wachsartigen Schicht, die die Außenseite von Blättern und vielen anderen Pflanzenteilen überzieht. Du kannst dir das wie ein winziges Bläschen vorstellen, das unter einer Wachsschicht mit Öl gefüllt ist.
Weitere Speicherorte
Nicht jeder Duft liegt in Haaren an der Oberfläche. Die Fachliteratur kennt daneben Ölbehälter, also Hohlräume, in denen sich Öl sammelt, und weitere Speicherorte. Zusammengefasst werden sie unter dem Begriff sekretorische Strukturen; gemeint sind alle Orte, an denen eine Pflanze flüchtige Stoffe bildet oder aufbewahrt. Wichtig ist vor allem: Der Duft steckt in klar umrissenen Speichern, und verschiedene Pflanzenteile können unterschiedlich gefüllte Speicher haben.
Was ein Inhaltsstoff ist
Ein ätherisches Öl ist kein einheitlicher Stoff, sondern ein Gemisch. Jeder einzelne chemische Bestandteil darin heißt Inhaltsstoff. Erst das Mengenverhältnis vieler Inhaltsstoffe zueinander ergibt den Duft, den du wahrnimmst. Fachleute sprechen deshalb von der Zusammensetzung oder dem Profil eines Öls – vergleichbar mit einem Fingerabdruck, der für jedes Öl etwas anders aussieht.
Viele Inhaltsstoffe gehören zu den Terpenen. Das ist eine große Stoffgruppe, deren Moleküle aus immer gleichen kleinen Bausteinen zusammengesetzt sind. Je nach Anzahl der Bausteine unterscheidet die Chemie kleinere und größere Terpene; beide bilden die flüchtigen Hauptgruppen vieler ätherischer Öle.
Welche Inhaltsstoffe in welchem Verhältnis enthalten sind, lässt sich im Labor bestimmen. Eine Übersichtsarbeit aus der Pflanzenforschung weist allerdings darauf hin, dass ein solches Analyseprofil allein nicht erklärt, warum sich zwei Öle unterscheiden. Dafür lohnt der Blick auf die Pflanze selbst.
Duft der Pflanze und Öl in der Flasche
Hilfreich ist außerdem eine Unterscheidung, die Fachleute treffen: Was eine lebende Pflanze an die Luft abgibt, was in ihren Speichern lagert und was schließlich als ätherisches Öl gewonnen wird, sind drei verschiedene Dinge. Den Duft eines blühenden Lavendelbeets geben die Pflanzen von sich aus ab. Das Öl in der Flasche entsteht dagegen erst durch ein Gewinnungsverfahren, etwa durch Destillation – dabei werden flüchtige Stoffe durch Verdampfen und anschließendes Abkühlen abgetrennt. Ein Öl muss deshalb nicht genau so riechen wie die frische Pflanze. Wie sich Destillation und Kaltpressung, also das Auspressen ohne Erhitzen, voneinander unterscheiden, liest du im Beitrag Gewinnung ätherischer Öle: Destillation und Kaltpressung im Vergleich.
Warum dieselbe Art unterschiedlich duften kann
Zwei Öle derselben Pflanzenart können verschieden zusammengesetzt sein. Die Fachliteratur nennt dafür mehrere Ebenen, auf denen Unterschiede entstehen:
- Population: So heißt eine Gruppe von Pflanzen einer Art, die an einem Ort zusammen wächst. Pflanzen verschiedener Populationen können unterschiedliche Öle liefern.
- Pflanzenorgan: Gemeint ist ein Teil wie Blatt, Blüte oder Wurzel. Öl aus den Blättern kann sich deutlich von Öl aus dem Blütenbereich derselben Pflanze unterscheiden.
- Entwicklungsstadium: Das beschreibt, wie weit eine Pflanze in ihrem Wachstum ist, etwa ob sie gerade austreibt oder bereits blüht. Deshalb kann auch der Erntezeitpunkt eine Rolle spielen.
- Wachstumsbedingungen: Dazu zählen Licht, Boden, Wasser und Klima am Standort.
Wie stark der Standort mitspielen kann, zeigt ein Beispiel aus der Pflanzenforschung: Bei einer Strauchart enthielt das Öl von einem Waldstandort deutlich mehr Alpha-Pinen als das Öl von einem sonnigen Standort. Alpha-Pinen ist ein Terpen, das auch im Duft von Kiefernnadeln vorkommt. Das Ergebnis lässt sich nicht einfach auf Lavendel, Zitrone oder Zirbe übertragen. Es zeigt aber, dass der Ort, an dem eine Pflanze wächst, ihr Öl prägen kann. Mehr zu dieser Frage liest du im Beitrag Herkunft zählt: Warum gleiche Pflanzen verschieden duften.
Bei manchen Arten gehen die Unterschiede so weit, dass Fachleute von Chemotypen sprechen. Ein Chemotyp ist ein Ölprofil, das sich chemisch deutlich von dem anderer Pflanzen derselben Art unterscheidet. Eingeordnet werden solche Profile nach den Stoffgruppen, die in ihnen überwiegen.
Praxistipp: Herkunft selbst vergleichen
Wenn du zwei Lavendelöle unterschiedlicher Herkunft zur Hand hast, etwa aus Frankreich und aus Bulgarien, kannst du selbst nachvollziehen, wie verschieden Öle derselben Art duften können. Prüfe zuerst den botanischen Namen auf beiden Etiketten, also den wissenschaftlichen lateinischen Namen der Pflanzenart. Nur wenn er übereinstimmt, vergleichst du tatsächlich dieselbe Art. Was die übrigen Angaben auf der Flasche bedeuten, erklärt der Beitrag Etiketten richtig lesen.
Gib dann je einen Tropfen auf einen Teststreifen, also einen schmalen Streifen aus saugfähigem Papier, und beschrifte beide Streifen. Rieche gleich danach und noch einmal nach einer Weile daran, und notiere deine Eindrücke. So merkst du, ob sich Unterschiede sofort zeigen oder erst später. Solche Unterschiede gehen nicht allein auf den Standort zurück; auch Sorte, Erntezeitpunkt und Gewinnung können hineinspielen. Wenn du die Öle anschließend im Raum verwenden möchtest, etwa im Diffuser, einem Gerät, das Duft fein im Raum verteilt, findest du Hinweise zur Menge im Grundlagen-Guide Ätherische Öle richtig anwenden und dosieren. Lege Fläschchen und Teststreifen danach außerhalb der Reichweite von Kindern ab.