Der Geruchssinn: Warum Düfte Erinnerungen wecken
Ein Hauch Orangenschale, und plötzlich ist ein Kindheitsnachmittag wieder da. Wir zeigen, welchen Weg ein Duft von der Nase ins Gehirn nimmt, was die Forschung über die Verbindung von Gerüchen und Erinnerungen weiß und wie du bewusstes Riechen übst.
Was beim Riechen in der Nase geschieht
Wenn du eine Orange schälst oder einen Zweig Rosmarin knickst, lösen sich winzige Duftstoffe und gelangen mit der Luft in die Nase. Dort treffen sie auf das Riechfeld, ein kleines Areal im oberen Teil der Nase, in dem die Riechzellen sitzen. Diese Zellen tragen Rezeptoren: Andockstellen, an die nur bestimmte Duftstoffe passen, ähnlich wie ein Schlüssel nur in bestimmte Schlösser passt. Welche Rezeptoren ein Mensch besitzt, ist genetisch festgelegt.
Passt ein Duftstoff, entsteht ein Nervensignal. Über den Riechnerv gelangt es zum Riechkolben, der ersten Verarbeitungsstation im Gehirn. Im Riechkolben laufen die Signale in winzigen Knotenpunkten zusammen, die Fachleute Glomeruli nennen. Welche dieser Knotenpunkte antworten, spiegelt den chemischen Aufbau des Duftstoffs wider. So hinterlässt jeder einzelne Duftstoff ein typisches Aktivitätsmuster, vergleichbar mit einem Fingerabdruck.
Ein ätherisches Öl wie Lavendel oder Zitrone besteht in der Regel aus zahlreichen einzelnen Duftstoffen. Entsprechend vielschichtig ist das Muster, das beim Riechen entsteht. Das Gehirn verarbeitet also nicht ein einzelnes Signal, sondern ein ganzes Zusammenspiel.
Der kurze Weg zu Gefühl und Gedächtnis
Bemerkenswert ist, wie direkt die Riechsignale weitergeleitet werden. Vom Riechkolben gelangen sie ohne Umschaltung im Thalamus zu ihren nächsten Stationen. Der Thalamus ist eine Umschaltstelle tief im Inneren des Gehirns; beim Riechen wird er auf diesem ersten Weg übersprungen. Die Signale erreichen unmittelbar die Riechrinde, in der Fachsprache piriforme Rinde genannt. Das ist ein Teil der Großhirnrinde, der Riechsignale aufnimmt. Außerdem erreichen sie die Amygdala, auch Mandelkern genannt, ein kleines Kerngebiet, das an der Verarbeitung von Gefühlen beteiligt ist.
Von Riechkolben und Riechrinde führen zudem Verbindungen über eine weitere Station in der Hirnrinde zum Hippocampus. Der Hippocampus ist eine Hirnstruktur, die eine grundlegende Rolle für das episodische Gedächtnis spielt, also für Erinnerungen an selbst erlebte Ereignisse mit Ort, Zeit und Umständen. Riechen ist damit eng an Bereiche gekoppelt, die auch Gefühle und Erinnerungen verarbeiten.
Aufnahmen mit bildgebenden Verfahren, die sichtbar machen, welche Hirnregionen gerade besonders aktiv sind, zeigen beim Menschen: Die Amygdala und ein Bereich der Hirnrinde direkt über den Augenhöhlen werden sowohl durch angenehme als auch durch unangenehme Düfte aktiviert. Eine Einschränkung gehört dazu: Das Wissen über die genauen Verbindungen stammt überwiegend aus Untersuchungen an Tieren. Für den Menschen liegen vor allem Bilder der Aktivität vor. Die Beschreibung oben ist deshalb ein vereinfachtes Modell, aus dem sich keine Aussage über einzelne Öle ableiten lässt.
Warum ein Duft ganze Szenen zurückbringt
Viele Menschen kennen solche Momente: Ein Hauch Zirbenholz, und eine Berghütte aus Kindertagen steht wieder vor Augen. Der Duft von Orangenschale holt einen Adventsnachmittag bei den Großeltern zurück. Die Gedächtnisforschung spricht hier von autobiografischen Erinnerungen, also Erinnerungen an das eigene Leben.
Eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit, die Ergebnisse vieler Einzeluntersuchungen zusammenfasst, kommt zu folgendem Befund: Gerüche sollen unter allen Sinnesreizen die lebhaftesten und gefühlsbetontesten Erinnerungen auslösen. Als Auslöser solcher Erinnerungen sind sie demnach stärker als dasselbe Motiv in Form eines Bildes, eines Geräuschs oder eines bloßen Wortes. Auffällig ist auch, aus welcher Lebensphase die Erinnerungen stammen.
| Merkmal | Auslöser Geruch | Auslöser Bild oder Wort |
|---|---|---|
| Lebhaftigkeit der Erinnerung | besonders lebhaft | in der Regel weniger lebhaft |
| Gefühlsgehalt | besonders gefühlsbetont | in der Regel schwächer |
| Typische Lebensphase | überwiegend die ersten zehn Lebensjahre | meist das junge Erwachsenenalter |
Wie diese besondere Verbindung im Gehirn genau zustande kommt, ist allerdings kaum erforscht. Zu den Vorgängen im Gehirn, die solchen geruchsausgelösten Lebenserinnerungen zugrunde liegen, gibt es bisher nur sehr wenige Untersuchungen. Die kurzen Verbindungen zu Amygdala und Hippocampus sind eine naheliegende Spur, aber noch keine gesicherte Erklärung.
Weil Erinnerungen persönlich sind, ruft derselbe Duft bei verschiedenen Menschen Verschiedenes hervor. Rosmarin riecht für die eine nach Sonntagsessen, für den anderen nach Urlaub im Süden. Wer für eine Feier einen Raumduft auswählt, kann das berücksichtigen: Ein dezenter, vertrauter Duft lässt jedem Gast Raum für eigene Assoziationen. Anregungen dazu findest du im Beitrag Duft für Gäste und Feiern: Atmosphäre gestalten. Welche Rolle Düfte in früheren Epochen an bestimmten Orten und zu besonderen Anlässen spielten, beschreibt der Beitrag Duft in der Kulturgeschichte: Von Tempelräumen bis zur Gegenwart.
Bewusstes Riechen üben
Im Alltag nimmt man Gerüche meist nebenbei wahr. Bewusstes Riechen heißt, einen Duft gezielt wahrzunehmen, ihn in Worte zu fassen und zu bemerken, welche Bilder er auslöst. Es geht dabei nicht um ein bestimmtes Ergebnis, sondern um Aufmerksamkeit und Übung im Beschreiben. So kannst du vorgehen:
- Wähle zwei oder drei deutlich verschiedene Öle, etwa Zitrone, Lavendel und Zedernholz. Öle aus unterschiedlichen Duftfamilien erleichtern den Einstieg; eine Übersicht bietet der Beitrag Duftfamilien erkennen.
- Gib je einen Tropfen auf einen Teststreifen aus Papier und beschrifte ihn sofort. Wie das sauber gelingt, zeigt der Beitrag Duftmischungen testen: Der Teststreifen-Weg. Rieche am Streifen, nicht direkt an der Flasche, und halte ihn mit einigen Zentimetern Abstand vor die Nase.
- Rieche kurz und lege danach eine Pause ein. Notiere zuerst einfache Eindrücke: frisch oder warm, süß oder herb, leicht oder schwer.
- Frage dich erst dann, welche Orte, Personen oder Situationen dir einfallen, und schreibe diese ohne Bewertung auf.
- Rieche nach etwa 15 Minuten und nach einer Stunde erneut. Viele Düfte verändern sich auf dem Streifen; wie Parfümeure das beschreiben, erklärt der Beitrag Die Duftpyramide einfach erklärt.
Wiederhole die Übung nach einigen Tagen mit denselben Ölen und vergleiche deine Notizen. Hast du dieselben Worte gewählt, oder ist dir diesmal etwas Neues aufgefallen? Bewahre Fläschchen und benutzte Teststreifen außerhalb der Reichweite von Kindern auf. Worauf du im Familienhaushalt sonst achten solltest, fasst der Beitrag Kinder und Duftöle: Sicher im Haushalt zusammen.
Praxistipp: ein persönliches Duftarchiv anlegen
Lege ein kleines Notizheft an, in dem jede Seite einem Duft gehört. Für die ersten Seiten kannst du etwa mit einem Kennenlern-Set aus fünf Ölen beginnen. Halte den Namen des Öls, das Datum, deine ersten Eindrücke und die Erinnerungen fest, die dabei auftauchen. Übertrage auch die Angaben vom Etikett, etwa den botanischen Namen; was die einzelnen Angaben bedeuten, erklärt der Beitrag Etiketten richtig lesen. Mit der Zeit entsteht so ein persönliches Nachschlagewerk. Du siehst dann auf einen Blick, welche Düfte bei dir Kindheitsbilder wecken, welche eher neutral bleiben und welche dich an eine bestimmte Jahreszeit denken lassen. Das erleichtert praktische Entscheidungen, etwa wenn du für die Duftlampe im Wohnzimmer einen Raumduft für die dunklen Monate suchst oder für einen Abend mit Gästen einen Duft wählst, der vertraut ist, ohne aufdringlich zu sein.